Abgestürzt und auferstanden – Whitney Tilson

Blog, Zitate Nick Thomas 372 Leser
Whitney Tilson verbrachte seine Kindheit in den Tropen, forschte in Harvard und gründete seinen eigenen Hedge Fund. Nach einem kometenhaften Aufstieg folgte ein tiefer Fall. Aber kein Grund Trübsal zu blasen. Tilson stand auf, putzte sich den Mund ab und machte einfach weiter. Lesen Sie hier seine Geschichte.

withney-tilson-007Whitney Tilson wurde 1966 in New Haven, Connecticut, als Sohn eines Lehrerehepaares geboren. Die Eltern lernten sich im Friedenscorps (Peace Corps) der USA kennen und unterrichteten auch nach Whitneys Geburt in verschiedenen Ländern der Welt. Daher verbrachte der junge Whitney große Teile seiner Kindheit in Tansania und Nicaragua. Die Eltern haben sich mittlerweile in Kenia zur Ruhe gesetzt.
Whitney besuchte bis 1985 die Northfield Mt. Hermon School in Massachussetts, da sein Vater dort zwischenzeitlich die Position des Dekans bekleidete. Von dort aus wechselte der ambitionierte junge Mann an die Harvard University, wo er den Studiengang Government belegte. Seinen Bachelorabschluss mit Auszeichnung erhielt der 1989.
Nach dem Studium wandelte er zuerst auf den Fährten seiner Eltern und half Wendy Kopp bei der Gründung der Non-Profit-Organisation Teach for America, die sich die Beseitigung von Bildungsungerechtigkeit auf die Fahne geschrieben hat und noch heute existiert. Im Anschluss daran arbeitete er zwei Jahre als Berater bei The Boston Consulting Group.
Im nächsten Karriereschritt ging er zurück zur Uni. Tilson begann einen MBA an der Harvard Business School und bekam 1994 sein Diplom verliehen. Er gehörte zu den besten 5% seines Jahrgangs, was ihm die Auszeichnung als Baker Scholar einbrachte. Im Anschluss daran forschte er weitere 5 Jahre in Harvard über Wettbewerb innerhalb von Innenstädten und zwischen Innenstädten untereinander.

Der Sprung ins kalte Wasser

Während seiner Forschungszeit in Harvard beschäftigte sich Tilson bereits intensiv mit den Wertpapiermärkten. 1996 begann für ihn eine Erfolgsserie, die sich bis 1998 fortsetzen sollte. Er schwamm auf einer Erfolgswelle und nahezu jeder seiner Trades ging auf. In dieser Zeit konnte er eine Rendite von über 500% einfahren. Die äußerst positiven Erfahrungen gingen natürlich nicht spurlos an Whitney Tilson vorbei. Er dachte eigenen Aussagen zufolge, dass er der beste Investor der Welt gewesen sei und schmiss seinen Job an der Uni hin, um seinen eigenen Hedge Fund zu gründen. Anfangs unter dem Namen T2 Partners, später bekannt als Kase Capital, begann Tilson mit dem professionellen Geldmanagement. Sein Startkapital umfasste ca. $ 1 Mio.

Tilson war im weitesten Sinne Value Investor. Er versuchte den inneren Wert eines Unternehmens zu bestimmen und setzte dann entweder auf steigende Kurse, sofern die aktuelle Bewertung unterhalb des von ihm bestimmten Wertes lag oder auf fallende Kurse, wenn das Zielunternehmen seiner Meinung nach überbewertet war. Allerdings engagierte sich Tilson ebenfalls in Sondersituationen wie Firmenpleiten.

Seine Performance konnte sich bis 2009 absolut sehen lassen. Er schlug von 1999 bis 2009 den Vergleichsindex S&P500 achtmal deutlich und erzielte eine nur marginal schlechtere Performance in den verbleibenden Jahren.Seine durchschnittliche jährliche Rendite in diesem Zeiträum belief sich auf 10,9%, während der S&P500 lediglich 3% erreichte. Dabei sagte er das Platzen der Internetblase sowie die des Häusermarktes korrekt voraus. Daher schnellten auch die Einlagen seiner Kunden in die Höhe. In der Spitze umfassten diese $ 200 Mio.

Dunkle Wolken

Als gefeierter neuer Star am Börsenhimmel sah man Whitney Tilson zu dieser Zeit quasi wöchentlich auf Bloomberg TV, Fox Business News oder CNBC. Allerdings sollte 2010 eine lange Leidenszeit beginnen. Von den beiden großen Crashs in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends geprägt, sah Tilson in den 2010er Jahren stets Gefahr hinter jeder Ecke lauern. Er hortete Cash und hielt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Long- und Shortpositionen. Er setzte dabei vornehmlich auf defensive Werte und shortete rasant wachsende Internetgiganten wie Google. Das führte dazu, dass er nahezu den kompletten Bullenmarkt verpasste und signifikant schlechtere Ergebnisse als der breite Markt einfuhr. Seine durchschnittliche jährliche Performance von 2010 bis 2017 belief sich auf schlappe 0,225%, während der S&P500 13,3% einfuhr. Diese andauernde Underperformance sorgte dafür, dass Whitney Tilson seinen Hedge Fund im Jahre 2017 auflöste und seinen verbliebenen Investoren ihr Geld auszahlte. Der psychologische Druck war für ihn einfach zu stark geworden und er traute sich nicht mehr zu Überrenditen einzufahren.

Empire Financial Research

Nach seinem Scheitern warf Tilson aber nicht die Flinte ins Korn, wie man vielleicht annehmen möchte, sondern erfand sich einfach neu. Seit 2018 macht er sich die Ausbildung junger Finanzmarktakteure zur Aufgabe. Er bietet über Empire Financial Workshops für Investoren an, bildet aber auch angehende Hedge Fund Manager aus und bereitet sie darauf vor, in Eigenverantwortung das Geld anderer Leute zu managen.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview riet er jungen Geldmanagern, dass sie zuerst ein paar Jahre Erfahrung in einem Beschäftigungsverhältnis sammeln sollten, bevor sie sich selbständig machen. Er selbst hatte gerade in seinen Anfangsjahren Glück, dass seine Frau Susan als gut bezahlte Anwältin tätig war und beide in der Wohnung ihrer Großeltern lebten, die wiederum ihre Pension in Florida genossen. Die Lebenshaltungskosten waren also relativ gering und auch wenn Whitney mal schlecht performte, konnte seine Frau für den Lebensunterhalt aufkommen.
Würde er erneut einen Fonds eröffnen, so würde er einiges anders machen. Tilson würde komplett auf Shortselling verzichten, da es meistens fruchtlos und zermürbend sei sowie den Fokus auf den kurzfristigen Bereich abrutschen lässt. Des Weiteren würde er ein fokussiertes Portfolio mit maximal 10 Positionen fahren und die durchschnittliche Haltedauer auf 5 Jahre pro Position auslegen. Die Überlegung dahinter sei, dass die Profis an den Finanzmärkten hauptsächlich auf kurzfristige Gewinne aus seien und nur wenige die langfristige Entwicklung im Blick hätten. Daraus ergebe sich ein Wettbewerbsvorteil.

Für angehende Investoren hatte er auch Ratschläge parat. So sollen Finanzmarktinteressierte erst einmal eine Nische für sich identifizieren, in welcher sie einen Vorteil gegenüber vielen anderen haben (bin ich bspw. Experte für Automobile oder kann ich polnisch, sodass ich mich mit polnischen Nebenwerten auseinandersetzen kann, die ihre Berichte hauptsächlich in der Landessprache veröffentlichen?). In einem zweiten Schritt sollte dann das individuelle Stockpicking erfolgen, basierend auf seinen Stärken. Im dritten Schritt kommt dann das Portfoliomanagement. Hier gelte es festzulegen, wieviele Aktien ich halten möchte, ob ich eine Cashreserve haben möchte oder wie ich mich verhalte, wenn eine Position gegen mich läuft (reduzieren, aufstocken, nichts tun). Letztlich bedarf es noch einer Regel für den Verkauf von Aktien.

In regelmäßigen Abständen ist er Gastgeber einer Shortkonferenz, auf der Shortseller ihre Ideen präsentieren können. Diese Konferenzen sind stets sehr gut besetzt und haben eine große Schar an Zuhörern. Bei einer dieser Konferenzen im letzten Jahr wurde Folli Follie vorgestellt. 2 Wochen später wurde der Handel der Aktie ausgesetzt, nachdem die Aktie von € 20,00 auf knapp € 5,00 abrutschte.

Tilson privat

Whitney Tilson ist seit 1993 mit seiner Frau Susan Blackman verheiratet. Beide haben zusammen drei Töchter. Er hat eine Schwäche für Hindernisläufe und ist leidenschaftlicher Bergsteiger. Regelmäßig nimmt er an Tough Mudder und das Spartan Race teil. 2016 trat er beim World’s Toughest Mudder an und erzielte einen Rekord in der Altersgruppe 50+. Er legte in den 24 Stunden des Rennens 75 Meilen zurück und überwand ca. 300 Hindernisse.

Tilson publizierte 2 Bücher: More Mortgage Meltdown und The Art of Value Investing. Außerdem ist er Co-Autor von Poor Charlie's Almanack.

Zitate

- "Deine Fähigkeit sowohl von Erfolgen wie auch Misserfolgen zu lernen, ist eine Schlüsselkomponente, um zu bestimmen, wie erfolgreich man als Investor abschneiden würde."
- „Jene, die aufhören zu lernen, werden weggespült.“
- „Wenn du in der Lage bist, über kurzfristige Schwierigkeiten hinwegzusehen, hast du einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen professionellen Investoren.“
- „Nachts gut zu schlafen und sein Geld über die Zeit mit einem guten Schnitt zu vermehren hört sich für uns nach Spaß an.“
- „Unsicherheit ist nicht unbedingt schlecht – sie kreiert Möglichkeiten zum Schnäppchenkauf.“
- „Der Lernprozess für Investoren kann durch die menschliche Natur erheblich verkompliziert werden.“
- „Value Investoren sind im Herzen Contrarians, die das kaufen, was aus der Mode ist und verkaufen, was der Markt gerade liebt.“
- „Entgegen der gängigen Meinung zu handeln ist nicht einfach.“
- „Unabhängiges Denken ist nicht nur hilfreich, um ein erfolgreicher Investor zu werden, es ist notwendig.“
- „Wir suchen nach sicheren, billigen Unternehmen mit Wachstumspotenzial.“
- „Der Fluch vieler Investoren ist die Versuchung, unabhängig von der Marktlage am Portfolio herumbasteln zu wollen.“
- „Das gleichermaßen faszinierende und herausfordernde beim Investieren ist die sich stets ändernde Natur des Geschäftsmodells und der Finanzen, was bedeutet, dass man niemals alles durchdrungen haben kann.“
- „Zu früh zu investieren ist eine der weitverbreitetsten Sünden unter Value Investoren.“
- „Investieren ist ein Geschicklichkeitsspiel, dass davon abhängt, wie man die Wahrscheinlichkeiten von zukünftigen Ereignissen bewertet.“
- „Bei Aktienpreisen sind zukünftige Erwartungen bereits eingebaut – der Trick besteht darin, die größten Lücken zwischen diesen Erwartungen und deinen eigenen zu identifizieren.“
- „Ein gutes Unternehmen in einer notleidenden Industrie zu kaufen ist häufig ein guter Weg, um Geld zu verdienen.“
- „Lediglich eine feine Linie trennt eine gute Chance von großem Ärger, wenn ein ehemals gutes Unternehmen absackt.“
- „Value Investoren fühlen sich naturgemäß zu Unternehmen in Schwierigkeiten hingezogen – das macht diese Unternehmen so günstig, sofern die Probleme nur von kurzer Dauer sind.“
- „Einige der besten potentiellen Investments sind hochgradig unsicher, aber haben ein geringes Risiko hinsichtlich permanentem Kapitalverlust.“
- „Am Ende des Tages versuchen wir lediglich, die 50 Cents zu kaufen, die eigentlich einen Dollar wert wären und jene Dollar zu shorten, die aktuell mit 5 Dollar bewertet werden.“
- „Wir beten in der Kirche von Graham, Dodd, Buffett und Munger.“
- „Ich kratze mich am Kopf, wenn ich die geringen Zinsraten sehe, die Investoren zu akzeptieren bereit sind.“
- „Wenn du eine Durststrecke erleidest, ist der Schlüssel, dass du mental annimmst, du wärst flat und dein Portfolio besteht zu 100% aus Cash – was würdest du tun?“
- „Jeder Investor hat Perioden mit schlechter Performance.“


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