Crash-Bücher gehen weg wie warme Semmel: Warum das (zunächst noch) gut für die Bullen und den Bullenmarkt ist

Wer in diesen Tagen die Wühltische in den Buchhandlungen durchstöbert oder die Spiegel-Bestsellerlisten studiert, stößt unweigerlich auf eine große Zahl an Crashbüchern, die wahlweise den größten Crash aller Zeiten, den Megacrash, den Weltsystem-Crash oder die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten prognostizieren. Auf diese Beobachtung weist Manfred Schlumberger in einer aktuellen Studie hin.

Als Gründe für diese düsteren Prophezeiungen wird laut dem Vorstand und Leiter Portfoliomanagement beim Asset Manager StarCapital AG ein Sammelsurium von Problemfeldern wie die hohen Verschuldungen bei Staaten und Unternehmen, Negativzinsen, das Platzen der Vermögenspreisblasen angesichts dramatischer Überbewertungen an den Kapitalmärkten und politische Krisen vor dem Hintergrund des neuen „Kalten Krieges“ zwischen den USA und China herangezogen. Wahlweise wird dieser „Horror-Cocktail“ noch um den Zusammenbruch des Euros, eine gewaltige Flüchtlingswelle oder das Ende des bestehenden Geldsystems ergänzt.

Diese Szenarien kontrastieren auffällig mit den neuen (Jahres-)Höchstständen an vielen internationalen Aktienmärkten, wie Schlumberger weiter ausführt. Den meisten „Crash-Gurus“ muss man jedoch zugutehalten, dass sie auch Rat und Hilfe anbieten: In der Regel über das Angebot eigener Fonds, deren Performance man sich allerdings besser nicht anschauen sollte, oder gar eine exquisite persönliche Honorarberatung. Viele Anleger scheinen diese Hilfsangebote gerne anzunehmen. Andere trösten sich laut Schlumberger mit dem Gedanken, dass sie als Nicht-Aktienbesitzer so wie 80 % ihrer Mitbürger nicht vom Crash betroffen sein werden.

Nachfolgend analysiert Schlumberger die wichtigsten Gründe, die von den Crash-Propheten vorgebracht werden:

Länge des Börsen- und Wirtschaftszyklus

Das aktuelle Großangebot an Crash-Büchern lässt sich aus Sicht des StarCapital-Experten sicherlich ganz wesentlich mit dem fortgeschrittenen Börsen- und Wirtschaftszyklus erklären. Der aktuelle Konjunkturzyklus gilt als der längste der Nachkriegsgeschichte und auch der US-Börsenzyklus dauert im historischen Vergleich schon überdurchschnittlich lange. Nach der Bullen- und Bärenmarktdefinition von StarCapital ist dieser Zyklus bald 11 Jahre alt, während der längste Zyklus in der Nachkriegszeit fast 15 Jahre lang angehalten hat.

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Friedrich und Weik, die beiden Autoren des aktuellen Crash-Bestsellers, hätten ihr erstes Untergangsbuch bereits 2012 geschrieben, einerseits zwar zu früh, andererseits aber zumindest finanziell lukrativ. Weitere Werke folgten, aber jetzt gingen die Autoren aufs Ganze. Früher hätten sie noch Hoffnung gehabt, dass die Politiker auf ihre Ratschläge zur Krisenbehebung hören, doch nunmehr lassen sie alle Hoffnung fahren: „Der größte Crash aller Zeiten steht uns bevor und wir können ihn nicht mehr verhindern!“ Spätestens 2023 soll der „Drops gelutscht“ sein. In drei Jahren nähern wir uns dem längsten Börsenzyklus der Geschichte – insofern scheint die Prognose gut kalkuliert zu sein, so Schlumberger.

Historisch seien die meisten Börseneinbrüche von steigenden Zinsen ausgelöst worden. 2008 hätten steigende Zinsen die US-Immobilienblase platzen lassen, 2000 die Technologieblase, davor seien es zumeist stark steigende Inflationsraten gewesen, welche die Notenbanken zwangen, die Zinsen anzuheben. In der Regel hätten also Zinsanstiege Börseneinbrüche und Rezessionen ausgelöst. Angesicht der aktuell hohen globalen Verschuldung könnte ein Zinsanstieg tatsächlich wieder solche Effekte auslösen.

Globaler Schuldenberg

Die aggregierten Schulden von Staaten, Unternehmen, Banken und privaten Haushalten sei in den letzten zehn Jahren weltweit um fast 40 % auf über 250 Billionen USD gestiegen. Dies entspreche 320 % des globalen Bruttoinlandsprodukts. In den Industrieländern sei der Schuldenberg von 360 % auf 380 % des BIP gestiegen, während es in den Schwellenländern von 140 % auf über 200 % des BIP hochgegangen sei. Am stärksten habe sich die globale Staatverschuldung von 71 % vor der Finanzmarktkrise auf heute 109 % erhöht. Die Verschuldung des Unternehmenssektors sei von 70 % auf über 90 % geklettert. Ganz wesentlich für diese Steigerung sei China. Dort habe sich die Gesamtverschuldung auf 300 % und die Unternehmensverschuldung auf 140 % des BIP erhöht. Die Verschuldung der privaten Haushalte aber sei insbesondere als Folge der Finanzkrise in den wichtigsten Industrieländern gesunken, ganz besonders in den USA und Deutschland.

Wie gefährlich ist denn nun der Anstieg der globalen Staatsverschuldung, fragt sich Schlumberger? Seine Analyse dazu beginnt er mit Japan, das zwischenzeitlich ein Staatsdefizit von 240 % des BIP aufweise. Infolge der stark alternden Bevölkerung sinke in Japan bereits seit einigen Jahren die Sparquote. Gleichzeitig führe die Demographie über ein nachlassendes Wirtschaftswachstum zu einem langfristigen Rückgang der privaten Investitionen und einem Anstieg der Ersparnisse auf Unternehmensebene. Daraus resultiere eine große Diskrepanz zwischen den gesamten Ersparnissen der Privathaushalte und Unternehmen und den privaten Investitionen. Diese Überschussersparnisse, die für die privaten Investitionen nicht benötigt würden, könne der Staat für öffentliche Investitionen nutzen und problemlos über eine steigende Schuldenaufnahme bei der eigenen Bevölkerung refinanzieren.

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In Deutschland wie Europa stiegen sogar die privaten Ersparnisse, so dass auch hier eine große Lücke zwischen den Ersparnissen und den stagnierenden privaten Investitionen entstanden sei, welche die Staaten zu öffentlichen Investitionen nutzen können, ohne einen Anstieg der Inflation und der Zinsen befürchten zu müssen. Die hohe Unternehmensverschuldung in China sei ganz überwiegend auf die wenig produktiven Staatsunternehmen zurückzuführen. Deren Schulden seien eigentlich dem Staat zuzurechnen, dessen offizielle Verschuldung nur bei 51 % des BIP liege.

Angesicht einer Sparquote der Privathaushalte in China von über 30 % werde jedoch verständlich, dass auch China seine Verschuldung problemlos über seine eigenen Bürger refinanzieren kann. Grundsätzlich gelte die Regel, dass monetär souveräne Staaten, die sich nur in ihrer eigenen Währung und am besten bei ihrer eigenen Bevölkerung verschulden und flexible Wechselkurse zulassen, nicht Bankrott gehen können Dies gelte umso mehr für ein Land, das sich ausschließlich in der Welt-Leitwährung verschuldet wie die USA. Obgleich in den USA die Staatsverschuldung die 100 %-Marke (bezogen auf das BIP) nach oben durchstoßen habe, sei die Refinanzierung problemlos, zumal auch die Sparquote der Amerikaner von unter 0 % vor der Finanzkrise auf zwischenzeitlich über 8 % angestiegen sei.

Am kritischsten scheine der Anstieg der Unternehmensverschuldung in den USA zu sein. So werde die Zahl der Zombie-Unternehmen, die ihre Zinsen nur mit Mühe bezahlen können, auf über 10 % geschätzt. Bei steigenden Zinsen könnten diese Firmen in die Insolvenz gehen. Angesichts rekordniedriger Arbeitslosigkeit erschienen jedoch die daraus resultierenden ökonomischen Schäden als sehr überschaubar. Der Verschuldungsgrad vieler Unternehmen sei auch deshalb gestiegen, weil sie die niedrigen Zinsen genutzt hätten, um ihre eigenen Aktien zurückzukaufen, wodurch der Ertrag pro Aktie steige. Eine solche Bilanzkosmetik schwäche jedoch nur marginal die Bilanzqualität.

Hohe Aktienmarktbewertungen

Als Ursache für einen Markteinbruch wird auch gerne das Argument der hohen Bewertung herangezogen, so Schlumberger. Der Vergleich der Shiller-KGVs (Kurs in Relation zum Durchschnittsertrag der letzten 10 Jahre) zeige jedoch, dass das aktuelle Shiller-KGV in allen Regionen (außer USA 2007) niedriger sei als vor den letzten Crashs bzw. Rezessionen der Jahre 2000 und 2007. Grundsätzlich löse allein eine hohe Bewertung ohne einen Katalysator wie beispielsweise steigende Zinsen keine Korrektur aus.

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Negativzinsen und Geldschwemme

In Deutschland hätten die Negativzinsen der EZB keineswegs zu einer Konsumorgie geführt. Im Gegenteil sei die Sparquote sogar gestiegen, da viele Anleger nunmehr noch mehr Geld für die Altersvorsorge zurücklegen (müssten). Bekanntlich hielten die meisten Deutschen wenig von einer langfristigen Aktienanlage zur Altersvorsorge. Dies sei umso trauriger, da die Geldschwemme der Notenbanken tatsächlich zu Inflation führe – allerdings nur zu einer Inflation der Vermögenspreise, von der man über Investments in Sachwerte profitieren könne. Letztendlich sei die EZB jedoch nicht für die irrationale Geldanlage der Deutschen verantwortlich.

Der Machtkampf zwischen den USA und China

Der von Donald Trump entfachte Handelskrieg mit China habe die Weltkonjunktur in 2019 massiv geschwächt. Schlumberger geht davon aus, dass es zu einem „Waffenstillstand“ bis zu den US-Präsidentschaftswahlen Ende nächsten Jahres kommen wird. Schließlich wolle Trump die Wahl gewinnen und dies gelinge ihm nur, wenn sich die US-Konjunktur 2020 nicht massiv abschwächt. Dennoch werde uns die neue Weltordnung mit den Supermächten USA und China viel Unsicherheit in den nächsten Jahren bringen.

Wir leben in gefährlichen Zeiten, obgleich wir die laut Schlumberger eigentlich schon immer hatten. Deutschland habe noch bis vor 30 Jahren an der vordersten Front des Kalten Krieges zwischen den Atommächten USA und Sowjetunion gestanden. Wir neigen dazu, die Gefahren der Gegenwart und Zukunft höher einzuschätzen, als die in der Vergangenheit, wie Schlumberger ausführt.

Steigende Zinsen

Künftig steigende Zinsen seien das größte Risiko für eine Börsenbaisse und eine Rezession. Der demographisch bedingte Überschuss an privaten Ersparnissen gegenüber den Investitionen in den Industrieländern limitiere jedoch die Gefahr steigender Zinsen. Das Anhalten des schwachen Wachstums der Weltwirtschaft lasse auch keine dramatischen Anstiege der Rohstoffpreise erwarten. Da auch die Lohninflation infolge der stark steigenden Produktivität gedämpft blieben, sei ein deutliches Anziehen der Konsumentenpreise in den nächsten Jahren wenig wahrscheinlich. Sollte sich dennoch eine schwere Wirtschaftskrise begleitet von einem heftigen Börseneinbruch abzeichnen, so würden die Notenbanken und Staaten alles tun, um dies zu verhindern. Notenbanken könnten sich letztlich unendlich verschulden und die Staaten mit diesem Geld die Wirtschaft ankurbeln. Ob das ewig gut gehe, darf aber bezweifelt werden, so Schlumberger. Niemand wünsche sich jedoch eine Rosskur der Weltwirtschaft wie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, welche die Welt an den Abgrund geführt hat.

Kommt nun der Crash? - Irgendwann ganz sicher!

Dazu führt Schlumberger eine kleine Geschichte an: Der US-Nobelpreisträger Robert Shiller werde bis heute für seine Vorhersage des Börseneinbruchs von 2000 bis 2003 gefeiert. Seine Prognose stammte jedoch aus dem Jahr 1996, in dem er einen Aufsatz mit dem Titel „Irrationale Übertreibung an den Finanzmärkten“ veröffentlichte. Der Crash sei jedoch erst vier Jahre später gekommen und nach einem weiteren Anstieg des US-Aktienmarktes um über 100 %. Abschließend kommentiert Schlumberger das Treiben der „Crash-Gurus“ mit einem Zitat des britischen Philosophen Bertrand Russel: „Das Elend der Welt liegt hauptsächlich darin begründet, dass die Dummen so selbstsicher und die Klugen so voller Selbstzweifel sind!“
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