Aktien-Qualitätscheck

Er ließ nicht nur die Puppen tanzen – Nicolas Darvas

Es gibt an der Börse viele kuriose Geschichten zu erzählen. So haben Sie vielleicht von Ronald Read gehört; dem Tankwart und Hausmeister, der Aktien wie Briefmarken sammelte und am Ende seines sehr bescheiden geführten Lebens mehr als USD 8 Mio. hinterließ. Oder die bemerkenswerte Story des vielleicht besten Traders aller Zeiten, Jesse Livermore, der zu Lebzeiten gleich zweimal ein riesen Vermögen aufbaute, um es kurze Zeit später wieder zu verlieren.

Eine weitere große Börsengeschichte ist die des ungarischen Tänzers Nicolas Darvas. Er erfand die sogenannte Darvas-Box, sorgte für ein kurzzeitiges Verbot der Stop-Loss-Orders und erwirtschaftete ein Vermögen von USD 2,45 Mio. Und das als Showtänzer. Aber alles der Reihe nach.

Die Flucht

nicolas-darvasNicolas Darvas wurde 1920 in Ungarn geboren. Er nahm kurz vor Kriegsbeginn ein Studium in Budapest auf, musste dann aber 1943 fliehen, da sowohl die Nazis, als auch die Sowjets in Ungarn Einzug hielten. Einen Abschluss bekam er nicht. Sein Fluchtweg führte ihn zunächst in die Türkei, wo er seine Halbschwester Julia traf. Dort begann Darvas auch mit dem Tanzen. Schnell machten er und seine Schwester aus dem Hobby ein Beruf und waren damit sehr erfolgreich. Sie erhielten sogar die türkische Staatsbürgerschaft. So tourten die beiden bis Anfang der 1950er durch die Trümmer Europas. 1951 emigrierten dann beide in die USA, wo sie 1953 sogar mit Judy Garland und Bob Hope auf der Bühne standen. Ende der 1950er Jahre galten die Darvas-Geschwister als das bestbezahlte Tänzerpaar der Welt.

Das Trading

Zum Traden kam Nicolas Darvas eher zufällig. 1952 hatten er und seine Schwester einen Auftritt in Toronto. Aufgrund der knappen Kasse des Veranstalters erhielten beide anstatt einer Gage Wertpapiere der kanadischen Baufirma Brilund im Wert von USD 3.000,00. Darvas vergaß die Aktien zunächst und schaute erst 2 Monate später wieder auf den Kurs. Der Titel hatte sich in dieser Zeit mehr als verdreifacht. Darvas verkaufte die Aktie und strich den Gewinn von USD 8.000,00 ein. Und obendrein hatte ihn das Börsenfieber gepackt. Er beschäftigte sich in den Folgejahren eingehend mit der Materie und las eigenen Angaben zufolge mehr als 200 Bücher, studierte das Kursverhalten unzähliger Titel und probierte Tipps von Brokern und Analysten aus. Ohne Erfolg.

Die Darvas-Box

Über die Jahre machte der Ungar die Erfahrung, dass Aktien sich in einer Range bewegen, bevor sie steigen. Er verglich dieses Verhalten mit einem Sportler, der in die Hocke geht, bevor er zum Sprung ansetzt. Außerdem erkannte er, dass das größte Kurspotential in den Titel schlummerte, welche zu den gefragtesten und innovativsten Industrien gehörten, da diese Aktien von neuen, revolutionären Produkten und Technologien profitieren. Zu Darvas‘ Zeit waren das Elektronik, Waffen und Raketentreibstoff. Sein weiteres Vorgehen war wie folgt: er erstellte sich mit größter Sorgfalt eine Watchlist, da Kommissionen und Ordergebühren in den 1950er Jahre sehr hoch waren. Als Auswahlkriterium mussten seine Aktien seit ihrem 52-Wochentief bereits 100% oder mehr zurückgelegt haben und an einem Mehrjahreshoch notieren.

Der eigentliche Geniestreich bestand aber im Ein- und Ausstieg. Er suchte nach Aktien, die sich in einer engen Handelsspanne befanden und zog am höchsten und tiefsten Punkt eine Linie; die Darvas-Box war geboren. Zum Einstieg nutzte er eine Stop-Buy-Order minimal oberhalb der oberen Begrenzung dieser Box. Die initiale Absicherung erfolgte knapp unterhalb dieser oberen Begrenzung via Stopp Loss. Wenn sich der Kurs zu seinen Gunsten entwickelte, markierte er die neu entstandene Box am obersten Punkt mit einer Linie und hatte somit einen neuen Preisbereich, in welchem sich der Kurs einer Aktie bewegen durfte. Der Stopp wurde sukzessive nachgezogen und immer unterhalb der aktuellen Box positioniert. So konnte er trotz Welttournee seit 1954 stets handeln, da er lediglich Kursdaten brauchte, um seine Ein- und Ausstiegspunkte an seine Broker zu telegrafieren. Um die Kurse zu erhalten, ließ er sich das Wirtschaftsmagazin „Barron's“ zum jeweiligen Auftrittsort nachsenden.

Ab 1959 hängte Darvas seine Tanzschuhe an den Nagel und fokussierte sich fortan nur noch auf die Börse. Sein Fokus lag nun noch stärker auf Aktien aus Zukunftsbranchen. Er agierte von New York aus und kaufte Position um Position. Dabei nutzte er auch vermehrt Pyramidisierungen, sobald Aktien aus ihren Boxen ausbrachen. Bis zum Mai-Crash 1962 erwirtschaftete Nicolas Darvas mit diesem Trendfolge-System USD 2,45 Mio. Nach dem Crash, welchen Darvas dank seines Regelwerks unbeschadet überstand, zog er sich aus dem aktiven Handel zurück. Seine Geschichte wurde im Nachgang von der New York Times publik gemacht, was ihn zum Börsen-Popstar aufstiegen ließ. Als kleine Anekdote zum Abschluss kann festgehalten werden, dass die American Stock Exchange nach Bekanntwerden von Darvas' Geschichte kurzzeitig die Stop-Loss-Order verbieten ließ, da sie darin eine nicht wettbewerbskonforme Möglichkeit zur Begrenzung der Verluste sah. Dieses Verbot konnte sich natürlich nicht lange halten. Darvas starb 1977 in Paris.

Zitate

Was können wir von Nicolas Darvas lernen? Lesen Sie im Folgenden seine besten Zitate.
  • „Ich wusste, dass ich mich rigoros an das System halten musste, welches ich für mich entworfen hatte.“
  • „Ich hatte Erfolg darin, im Verhältnis zu meinem eingesetzten Kapital höhere Gewinne als Verluste zu erzielen.“
  • „Ich entschied mich, meinen Stop-Loss entscheiden zu lassen.“
  • „Ich glaube an Analyse, nicht an Vorhersage.“
  • „Ich wurde zu selbstbewusst. Und das ist der mit Abstand gefährlichste Gemütszustand, den man am Aktienmarkt entwickeln kann.“
  • „Ich entschied, dass ich nie wieder mehr Geld riskiere, als ich zu verlieren im Stande bin, ohne mich dabei zu ruinieren.“
  • „Ein Unternehmensbericht oder Quartalszahlen können dir lediglich Aufschluss über die Vergangenheit und die Gegenwart geben. Sie verraten dir aber nicht die Zukunft.“
  • „Ich überlegte mir teuer zu kaufen und teurer zu verkaufen.“
  • „Ich akzeptierte alles, wie es auch tatsächlich war. Und nicht wie ich es gerne gehabt hätte.“
  • „Ich lernte ebenfalls, mich von Bärenmärkten fernzuhalten, außer mein einzelner Wert blieb innerhalb der Box oder stieg sogar.“
 

So funktioniert die Darvas-Methode in der Praix. Anleitungsvideo:


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