Sell in May and go away? Alles papperlapapp! Clevere Anleger investieren bevorzugt im ersten Monat eines Quartals sowie im vierten Quartal

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Inzwischen ist im Jahr 2019 bereits wieder der fünfte Monat angebrochen. Dieser gilt im Alltagsleben als Wonnemonat, weil mit ihm nach einem langen Winter endgültig wieder mehr Lebensmut dank höherer Temperaturen und mehr Tageslicht Einzug hält.

An der Börse ist der Leumund des Mai dagegen zweigeteilt. Zwar winken historisch betrachtet im Schnitt Monatsbeginne, aber nach seinem Abschluss beginnt mit ihm das traditionell schwächste Börsenhalbjahr, das sich bis Ende Oktober erstreckt. Auf dieses saisonale Phänomen ist mit „Sell in may and go away“ beruht sogar eine der bekanntesten Börsenweisheiten.

Saisonale Auswertungen nehmen auch bei der Arbeit von Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse bei HSBC Deutschland, einen festen Platz ein. Eine Aufgabe, die Lohn in der Form neuer Erkenntnisse verspricht, ist das denn das Feld der „Saisonalitäten“ doch aus der Sicht von Scherer noch nicht abschließend erforscht. Anleger, die sich mit diesem Faktor auseinandersetzen, werden aus seiner Sicht mit einem vertieften Markteinblick belohnt. Zudem lassen sich hier nach dem Urteil von Scherer noch zum Teil unbekannte Renditepotentiale heben.

Investments nur im ersten Monat eines Quartals am einträglichsten

So ist der HSBC-Charttechniker bei der Analyse historischer Datenreihen auf ein sehr interessantes statistisches Ergebnis gestoßen. Ausgangspunkt dabei war der, anhand verschiedener Aktienindizes wie DAX, Dow Jones, S&P500 und Nasdaq Composite sowie unterschiedlichen Startzeitpunkten zu analysieren, ob es innerhalb eines Quartals nennenswerte Performanceunterschiede zwischen den einzelnen Monaten gibt.

Laut Schwerer ist es demnach so, dass der erste Monat eines Quartals deutlich bessere Ergebnisse als der zweite und dritte Monat liefert Beim DAX wären aus einer Anfangsinvestition von 1 EUR, jeweils angelegt im ersten Monat eines jeden Quartals, seit 1988 6,97 EUR geworden. Eine Investition immer nur im zweiten Monat eines Quartals hätte über die vergangenen 30 Jahre dagegen nur ein schmales Kursplus ergeben. Ein Engagement ausschließlich im dritten Monat des Quartals hätte Anlegern außerdem sogar Verluste beschert. Details dazu sind ohne Berücksichtigung von Transaktionskosten und Depotentgelten der nachfolgenden Grafik zu entnehmen.

Saisonalitäten bei Dax, Dow Jones, S&P 500 und NASDAQ Composite: Warum Sie niemals den 1. Monat des Quartals verpassen sollten – Startkapital: 1 EUR

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Quellen: Reuters, HSBC; Zeitraum: 01.01.1915 – 01.02.2019
(5-Jahres-Entwicklung: DAX®: 02.04.14 – 02.04.15: 24,36%; 02.04.15 – 02.04.16: -18,16%; 02.04.16 – 02.04.17: 25,71%; 02.04.17 – 02.04.18: -1,76%; 02.04.18 – 02.04.19: -99,92%) Quelle: Reuters. Stand: 02.04.2019.

Kombinierte Strategie bringt die besten Ergebnisse

Obwohl die Resultate eindeutig ausfallen, weist Scherer ausdrücklich darauf hin, dass die Wertentwicklung in der Vergangenheit natürlich kein verlässlicher Indikator für die Wertentwicklung in der Zukunft darstellt. Gleichzeitig führt er aber einen Erklärungsansatz an, der zu dieser saisonalen Anomalie führen könnte. Denn es so typischerweise so, dass die Risikobudgets auf Seiten der großen institutionellen Kunden vor allem zu Jahresbeginn, aber auch zu Quartalsbeginn, neu verteilt würden, was eine positive Aktienmarktentwicklung offensichtlich begünstige.

Der Charme des ersten Monats des Quartals bestätigt sich laut Scherer im Übrigen auch beim Blick auf die deutlich längeren Kurshistorien der US-Standardwerte aus dem Dow Jones (seit 1915) bzw. aus dem S&P 500 (seit 1928). Leider gebe es aber wie so oft im Leben auch hier keine Regel ohne Ausnahme. Denn im letzten Quartal eines Jahres performten Oktober, November und Dezember beim DAX® jeweils ähnlich positiv. In den USA steche die Wertentwicklung im Dezember sogar besonders positiv hervor. Die „Jahresendrally“ scheine hier der dominierende Einflussfaktor zu sein.

Die Schnittmenge aus beiden Beobachtungen bildet für Scherer die folgende Investmentstrategie: In den ersten drei Quartalen setzen Anleger lediglich auf den ersten Monat des Quartals. In den letzten drei Monaten bis zum Jahresende sind sie indes komplett investiert. Der untenstehende Chart zeigt die entsprechende Kursentwicklung der Strategie beim DAX. Da Anleger nur sechs Monate engagiert sind, bringt der Handelsansatz eine deutliche Stressreduktion, die sich in einer geringeren Volatilität niederschlägt, so Scherer. Zusätzlich schone die sehr hohe Trefferquote von 67 % (das heißt zwei Drittel aller ersten Monate eines Quartals bzw. aller Schlussquartale seit 1988 bescherten Anlegern Kursgewinne) die Nerven von saisonal-orientierten Investoren.

Mögliche saisonale Handelsstrategie: Bis zum 4. Quartal Investition lediglich im ersten Monat des Quartals; Jahresendrally vollständig mitnehmen durch Anlage im gesamten Q4 (Startkapital: 1€)

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Quellen: Reuters, HSBC; Zeitraum: 01.01.1988 – 01.02.2019 Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die Wertentwicklung in der Zukunft. Ohne Berücksichtigung von Transaktionskosten und Depotentgelten. (5-Jahres-Entwicklung: DAX: 02.04.14 – 02.04.15: 24,36%; 02.04.15 – 02.04.16: -18,16%; 02.04.16 – 02.04.17: 25,71%; 02.04.17 – 02.04.18: -1,76%; 02.04.18 – 02.04.19: -99,92%) Quelle: Reuters. Stand: 02.04.2019.
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