„Wir denken, traditionelle Autobauer werden den Weg der Mini-Computer gehen und auch traditionelle Pharma-Konzerne sind in großen Schwierigkeiten“

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An der Wall Street konzentrieren sich viele Marktteilnehmer auf den nächsten Quartalsausweis eines Unternehmens. Ein Verfehlen der Prognose beim Ergebnis je Aktie von wenigen Cents kann aus einem Liebling der Börsianer einen Geächteten machen. Im Gegensatz dazu blickt Catherine Wood weit über das nächste Quartal oder das nächste Jahr hinaus. Sie achtet vielmehr auf einen kompletten Marktzyklus und auf sogar noch längere Zeiträume. Als Gründerin, Chief Executive Officer und Chief Investment Officer von ARK Investment Management, suchen Wood und ihr Team nach Unternehmen, die auf einer thematischen Welle reiten. "Silicon Valley, Silicon Alley oder Silicon Beach sind innovativ", erklärt sie. "Wir konzentrieren uns auf disruptive Innovationen." Vor kurzem sprach Wood mit Tara Kalwarski von Morgan Stanley Wealth Management. Nachfolgend eine übersetzte Version ihres Gesprächs, das in der von Morgan Stanley Wealth Management veröffentlichten Monatspublikation „On the markets“ veröffentlicht wurde.

Tara Kalwarski (TK): Wie sieht Ihr Ansatz bei thematischen Investments aus?

Catherine Wood (CW): Einer unserer Slogans lautet „investiere in das Tempo der Innovationen", und das meinen wir auch so. Die Welt verändert sich mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Man muss bis in die späten 1800er Jahre zurückgehen, um so viele Innovationsplattformen zu finden, die sich zur gleichen Zeit entwickeln, wie das aktuell der Fall ist. Innerhalb von 20 Jahren kamen damals Traktoren, Telefone und Strom auf den Markt. Das ist atemberaubend, richtig? Doch die Welt heute verändert sich noch schneller. Meine Firma konzentriert sich dabei auf fünf Technologieplattformen. Unsere Themen sind dabei keine Technologie-Themen an sich. Vielmehr werden sie durch Technologie ermöglicht, sie sind von Kostensenkungen gekennzeichnet und erweisen sich als einschneidend über verschiedene Wirtschaftssektoren hinweg.

(1) DNA-Sequenzierung: Aus unserer Sicht wird dieses Thema das Gesundheitswesen, so wie wir es kennen, komplett verändern. Die menschliche genomische Sequenzierung allein wird voraussichtlich in den nächsten fünf Jahren mit einer jährlichen Rate von mehr als 200 % wachsen.

(2) Robotik und Automatisierung: Das Thema versetzt viele Menschen in Angst, vor allem, wenn es um künstliche Intelligenz (AI) und potenzielle Arbeitsplatzverluste geht. Prognosen zufolge wird bis zum Jahr 2035 die Automatisierung 47 % der Arbeitsplätze in den USA zu ersetzen und ein Bruttoinlandsprodukt von 12 Billionen USD generieren.

(3) Energiespeicherung oder Batterietechnologien: Die Kosten für Akku-Systeme und Batterie-Zellen sind gefallen. Und die Kosten für Akku-Systeme in Elektrofahrzeugen werden voraussichtlich bis 2020 um weitere 40 % sinken.

(4) Internet der nächsten Generation: Diese umfasst Dinge wie AI, Deep Learning, maschinelles Lernen, das Internet der Dinge und die Sharing Economy. Falls selbstfahrende Taxis 60 % der US-Fahrzeuge ersetzen sollten, werden 740 Mio. Parkplätze im Wert von 13 Billionen Dollar für andere Anwendungen zur Verfügung stehen.

(5) Blockchain-Technologie und Krypto-Währungen oder Krypto-Assets: Die Rolle als Zahlungsvermittler, die Krypto-Währungen zu übernehmen versuchen, hat ungefähr einen Marktwert von 400 Mrd. Dollar.

fokus

TK: Wie muss man diese Trends analysieren, um Chancen zu identifizieren?

CW: In den späten 1970er Jahren arbeitete ich bei einer Firma, die als Thema über Hongkong 1997 sprach - als die Souveränität über Hongkong vom Vereinigten Königreich auf die Volksrepublik China übertragen würde - und ich dachte: „Wie „wunderbar“ ist es, in so eine Zukunft zu schauen." Als die traditionelle Anlagewelt begann, sich mehr auf Benchmark-Denken und Index-Orientierung zu fokussieren, konzentrierten sich thematische Investoren mehr auf das Gegenteil. Sie beschäftigten sich mit disruptiven Innovationsplattformen, die mit Hilfe der Technologie die Welt verändern würden und damit auch die Aktienindizes im Laufe der Zeit. Thematisch orientierte Investoren versuchen solche Aktien zu finden, bevor sie zu großen Bausteinen in den Benchmark-Indizes werden.

Unsere Analysten verfügen über multidisziplinäre Hintergründe und analytische Ansätze, wobei die Verantwortlichkeiten nach Themen untergliedert sind. Beim Research verfolgen wir einen Top-Down-Ansatz. Unser erstes Ziel ist es, die Chance zu ermessen, die ein Anlagethema birgt und welche Unternehmen das Zeug dazu haben, zu einem Teil dieses Ökosystems zu werden, ohne dabei von einem Index-Denken beeinflusst zu werden.

Was den Bottom-up-Ansatz bzw. die Analyse von Einzel-Aktien angeht, haben wir acht Ansätze. Einer davon achtet auf das Management und auf die Firmenkultur: Ein Unternehmen, das sich auf disruptive Innovationen konzentriert, braucht Anführer mit Visionen und einem starken Willen sowie Mitarbeiter, die an die Vision glauben.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind Eintrittsbarrieren. Wie hoch sind sie? Einen anderen nennen wir die Bewertungshürde. Unser Zeithorizont endet dabei nicht beim nächsten Quartal oder im nächsten Jahr – wir blicken vielmehr auf die nächsten fünf Jahre. Weil wir die Geschäftsaussichten von Unternehmen modellieren, müssen wir daran glauben, dass eine Aktie im Durchschnitt über einen Zeitraum von fünf Jahren 15 % p.a. zulegen kann, um ein Chance auf eine Portfolio-Aufnahme zu haben.

TK: Es gibt also auch ein menschliches Element bei Ihren Kriterien, obwohl die Themen technologiegetrieben sind. Wie balancieren Sie dabei zwischen qualitativen und quantitativen Kriterien?

CW: Unsere intensive Analyse rund um Technologie steckt in unserer Top-down-Modellierung. Silicon Valley träumt den Traum. Wir verdichten das und versuchen herauszufinden, wo die Chancen im Detail liegen. Wenn eine Disruption oder eine Innovation durch Technologie ermöglicht wird, ist sie typischerweise mit einer sinkenden Kostenkurve verbunden. Das löst auf der Nachfrageseite Preiselastizität aus. Die rückläufigen Kosten führen zu sinkenden Preisen, steigenden Wachstumsraten und damit dann meist zu erheblichem Wachstum. Zum Beispiel hat der 40-50 %-ige Kostenrückgang bei der DNA-Sequenzierung pro Jahr zu einem Wachstum von 200 % in der Anzahl der gesamten menschlichen Genome geführt, die pro Jahr sequenziert wurden. Wir gehen mehr quantitativ vor, wenn wir versuchen, die Chancen zu beurteilen und woraus die Innovation auf der Lernkurve besteht. Wenn ein Trend auf einen Marktanteil von 10 % oder mehr kommt, dann achten wir darauf, denn dabei handelt es sich dann in der Regel um einen Sweet-Spot. Denn das ist dann oft der Wendepunkt, wo das Wachstum abhebt und mit riesigen Produktivitätsgewinnen und der Schaffung von Wohlstand sowie einer vollständigen Transformationen der Industrie einhergeht.

TK: Wie finden Sie neue Anlageideen?

CW: Ein Grund, warum ich ARK gegründet habe, war, dass ich mich nach neuen Informationsquellen gesehnt habe, die ich in einem traditionellen Research-Unternehmen nicht vorfinden konnte.

Wir machen zwar auch traditionelles Research – Gewinnprognosen, Analystentage, Messen, Sell-Side-Konferenzen und so weiter. Aber wir puschen unser Research auch Online und in den Sozialen Medien. Wir laden Meinungsführer in unser Intranet ein. Wir machen Umfragen auf Twitter - unsere Blockchain / Krypto-Asset-Analyst hat ein Netzwerk bei Twitter aufgebaut. Die Gesamtmenge der analysierten Daten auf Twitter wird in den nächsten fünf Jahren um das 14-fache wachsen – das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 70 %.

Jede Woche gehen unser Research-Direktor und Themen-Entwickler - typischerweise Professoren, Venture Capitalists, Private Equity Investoren oder Unternehmer - und ich gemeinsam in unser Forschungs-Ökosystem. Geht jemand mit uns eine Geschäftsvereinbarung eingehen will, können sie an unseren Modell- und Brainstorming-Sitzungen teilnehmen und sich mit dem Research-Direktor, unseren Analysten, mir und anderen Themen-Entwicklern im Laborbereich unseres Intranets kommunizieren. Wir tauschen Wissen aus und helfen bei der Modellierung.

TK: Welche Themen stoßen derzeit auf das größte Interesse bei den Anlegern?

CW: Autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz. Hier versuchen die Leute herauszufinden, in welche Richtung sich diese Themen entwickeln. Ich glaube, die meisten Menschen werden geschockt sein zu sehen, wie schnell die Umstellung auf Elektro-Fahrzeuge gemäß unserem Research von statten gehen wird.

Momentan erhoffen sich viele etwas zu viel von Künstlicher Intelligenz, auch wenn in dem Bereich natürlich große Sprünge gemacht werden. Doch es Bedarf viel Training, damit Künstliche Intelligenz effektiv funktioniert. Interessanterweise verhält es sich bei den Themen anders, auch wenn autonomes Fahren jetzt nachzieht. Aber warum haben sie es nicht schon im Vorjahr getan? Es war damals die gleiche Geschichte wie heute. Inzwischen sprechen mehr Leute über Autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Augmented Reality etc. Es gibt immer mehr Aha-Momente. Und wir wollen dabei sein, wenn es passiert.

Was in schlechten oder risikoaversen Zeiten ebenfalls am Markt oder auf Unternehmensebene zu beobachten ist, sind nervöse Aussagen der Führungskräfte nach dem Motto „wir müssen etwas verändern, wie wir die Dinge machen. Wir müssen Kosten kürzen, die Produktivität erhöhen, neue Produkte und neue Dienstleistungen erfinden.“ Unternehmen mit disruptiven Innovationen tun das dann, Deshalb glaube ich, dass sich die Ausgangslage für innovative Unternehmen bei jedem Crash, auch wenn er noch so unbequem sein mag, immer weiter verbessert.

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TK: Gibt es Themen, die ungerechtfertigt an Marktwert verloren haben?

CW: Das Thema der genomischen Revolution wurde arg verprügelt. Es wurde im Vorjahr durch die Politik im Wahlkampf und in diesem Jahr durch die Gesundheitsdebatte gestört. Auch wenn unsere Unternehmen davon beeinflusst werden, werden sie letztlich noch viel stärker von Innovationen beeinflusst. Der Haushaltsvorschlag von Trump will die Gelder des National Institutes of Health beschneiden. Darüber regen sich die Leute wirklich auf - aber die Unternehmen, die dieses Thema repräsentieren, heilen Krebs, und wir sehen, dass privates Geld in diese potenziellen Behandlungsmethoden fließen. Dadurch verändert sich die Dynamik komplett.

TK: Welche Industrien werden am meisten unter distuptiven Innovationen leiden?

CW: Wir denken, dass traditionelle Autobauer den Weg von Minicomputern gehen werden (Anmerkung der Redaktion: In den 1980er Jahren wurden die Mini-Computer von den auf 32-bit-Mikroprozessor-Technologie aufbauenden Maschinen der vierten Generation verdrängt, was laut Wikepedia zu erheblichen Einbußen bei den jeweiligen Herstellern führte). Energieunternehmen dürften hart getroffen werden, weil Elektrofahrzeuge viermal mehr energieeffizienter sind als herkömmliche angetriebene Fahrzeuge.

Wir denken, der Einzelhandel wird sich weiter neu ordnen. Die Kostenstrukturen sind hier völlig losgelöst von der Realität. Im Gesundheitswesen denken wir, dass traditionelle Pharma-Konzerne in großen Schwierigkeiten sind, wenn diese Unternehmen nicht in das Zeitalter der Molekularbiologie übergehen. Jetzt sind viele durch auslaufende Patente gezwungen worden, dies zu tun - und sie mussten viele Chemiker entlassen und dafür Molekularbiologen einstellen. Wir gehen davon aus, dass sie das künftig während dem gesamten Forschungs- und Entwicklungsprozesses tun müssen. Wenn sie das nicht tun, sind sie in Schwierigkeiten. Es gibt eine Menge Risiken für jedes Unternehmen, das die Dinge auf traditionelle Weise macht und sich wohl dabei fühlt.

TK: Sind Sie mehr begeistert von jenen Unternehmen, die bei einem Thema eine Vorreiterrolle innehaben oder von jenen Gesellschaften, welche sich diese Themen nur zunutze machen?

CW: Beides. Die am meisten regulierten und bürokratischen Industrien sowie jene Industrien, die sich nicht durch die Technik verändert haben, werden große Profiteure der Blockchain sein, wenn sie sich dieser Technik annehmen. Finanzdienstleister, Gesundheit, Staat, Bildung und Versorger könnten zu den am stärksten betroffenen Sektoren gehören.


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