Thomas Russo bringt die Zinslawine ins Rollen

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Kolumne Tim Schäfer
Wall Street Korrespondent für aktien

1982 erlebte Student Thomas Russo etwas, was sein Leben für immer verändern sollte. Er studierte damals Jura in Stanford. Warren Buffett kam als Gastredner in den Uni-Saal und plauderte vor den Studenten aus dem Nähkästchen. Was der 27-jährige hörte, saugte er wie einen Schwamm auf. Was Buffett im Prinzip sagte, war: Lass Deine Gewinne an der Börse laufen. Solange Du den Gewinn nicht realisierst, musst Du ihn nicht versteuern.

Russo war fortan dem Value Investing verschrieben. Er war von Buffetts Trick begeistert, die Gewinneraktien einfach laufen zu lassen - schon um dem Finanzamt ein Schnippchen zu schlagen. Die Steuerfreiheit wirkte sich wie eine Lawine auf den Zinseszins aus. Kaum hatte Russo das Abschlusszeugnis 1984 in der Tasche, heuerte er bei der legendären Fondsfirma Ruane, Cuniff & Goldfarb an. Die Fonds-Initiatoren waren mit Buffett gut befreundet. Russo wusste, er konnte dort viel lernen. Er fing beim Flaggschifffonds Sequoia Fund an. 1989 wechselte er zur Vermögensverwaltung Gardner Investments. Später firmierte die Firma aus Pennsylvania in Gardner Russo & Gardner um.

Ich traf im März 2016 Tom Russo in New York. Ich habe ihm gleich angemerkt, dass er sein Handwerk versteht. Er kann in die Tiefe gehen. Er holt aus, wenn er Zusammenhänge verdeutlicht und verweist gerne auf Börsenlegende Warren Buffett oder dessen Professor Benjamin Graham.

Wir setzten uns nahe der UNO zusammen, um über seine Strategie zu sprechen. Seine Rendite ist überragend. Im Schnitt fährt er für seine Kunden 15% per annum in die Scheune, während der S&P-500-Index nur auf ein Plus von circa 10% im langen Schnitt kommt. Er verwaltet 13,5 Mrd. USD. Seine Kunden sind überwiegend reiche Familien.

Seine Vermögensverwaltung hat ihren Sitz in Lancaster in Pennsylvania. Die Gegend ist bekannt für die Amische. Das ist ein Bauernvolk, das auf Technologie verzichtet: Mit Pferden und ohne Strom arbeiten die Amischen, die deutsche Wurzeln haben. Das traditionelle Leben des Bauernvolks hat einen Einfluss auf Russos Geldgeschäft. Er investiert überwiegend in traditionsreiche Familienbetriebe. „Wir tendieren dazu, im Leben zu profitieren, wenn wir eine Belohnung von heute auf morgen aufschieben. Das trifft sowohl auf Firmen als auch Menschen zu.“ Er verweist auf Krisen, die ein Aktionär durchstehen sollte. Firmen sollte ihr Kapital intern zu hohen Renditen reinvestieren, damit der Firmenwert mit der Zeit wächst und immer wertvoller wird. Der Wert soll so zum Schneeball werden - dank des Zinseszinses.

Er ist bereit, wenn er einsteigt, deutlich mehr als den reinen Buchwert zu zahlen. Die alte Strategie von Warren Buffetts Professor Benjamin Graham, nach Buchwert-Schnäppchen Ausschau zu halten, davon hält Russo nichts. Russo zahlt KGVs zwischen 10 und 20. Er zahlt aber keine abenteuerlichen KGVs von 40 oder 100, wie das heutzutage bei den FAANG-Aktien Usus ist. FAANG steht für Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google. Sie befinden sich im Höhenflug. Im Depot von Russo sucht man sie vergebens.

Er hat einen konservativen Value-Ansatz. Er schaut durchaus auf das KGV, Kurs-Buchwert-, Kurs-Umsatz-Multiple. Einen prächtigen Überschuss seiner Firmen mag er schon sehen. Ist er investiert, hat er Dekaden Zeit. Ihm ist der Buy-and-Hold-Ansatz wichtig. Er achtet auf lange Halteperioden. Jede Gewinnmitnahme wird in seinen Augen mit Steuern bestraft, das vermeidet er. Seine Philosophie sind Qualitätsaktien zu kaufen und dann mit Nichtstun zu glänzen. Die Brauerei Heineken und den Lebensmittelfabrikanten Nestlé besitzt er seit 1986, Den Tabakriesen Philip Morris seit 1990, die kalifornische Großbank Wells Fargo seit 1994.

Um die passenden Aktien für seinen geduldigen Investmentstil zu finden, ist sein Auswahlprozess besonders hart. Er sucht Unternehmen, die zum Reinvestieren tendieren, sprich ihr eigenes Geschäft stetig ausbauen. Darüber hinaus müssen die Firmen in der Lage sein, durch schmerzvolle Phasen zu gehen. Sie dürfen nicht vom langfristigen Kurs abkommen, wenn sie eine Krise erleben. Russo fasst es so zusammen: „Sie müssen die Kapazität haben, um leiden zu können.“

„Wir tendieren dazu, unsere Unternehmen im Idealfall für immer zu behalten“, skizzierte er seine Strategie. Er achtet auf einen flotten freien Cashflow in reifen Märkten. Er legt einerseits auf Wachstum, andererseits auf bekannte Marken wert. Wenn ein Unternehmen mit seinen starken Marken die Chance nutzt, um in den Schwellenländern erfolgreich Fuß zu fassen, ist es Russo natürlich recht. Schwellenländer bieten Chancen, weil dort der Wohlstand schnell zunimmt. Russos Lieblinge sind bekannte Hersteller von Spirituosen, Zigaretten, Lebensmitteln. Folgende Marken erwähnt er im Gespräch immer wieder positiv: Heineken, Nestlé, Unilever, Pernod Ricardo Jack Daniels, Marlboro.

„Die Firmen müssen was Besonderes haben. Ich investiere gerne in Konsumgütermarken. Ich suche Firmen, die ihr Sortiment ausdehnen können. Haben sie Budweiser, erweitern sie das Sortiment mit der Biermarke Michelob. Sie können in neue Geographien gehen. Mit der Zusage, expandieren zu wollen, haben die Firmen intern die Möglichkeit, ihr Kapital zu reinvestieren. Wiederholen die Firmen das Reinvestieren, entfaltet sich der Zinseszins. Albert Einstein sagte, der Zinseszins ist der schlagkräftigste Hebel der menschlichen Natur. Investieren die Firmen intern, profitieren Sie vom Zinseszins.“

Russo bevorzugt das stetige Investieren. Wer seinen globalen Markt stetig ausbaut, ist sein Favorit. „Unsere Firmen brauchen nicht nur ansprechende Marken und Kapital, um diese Marken auszubauen, sondern sie brauchen auch die Menschen, die dazu in der Lage sind.“ Ihm sind daher mehrsprachige Vorstände und multikulturelle Managementstrukturen wichtig.

Die „Kapazität zu leiden“ meint nicht nur Krisen zu überstehen, sondern eben ein geduldiges Management zu haben, das langjährig investiert, selbst wenn es sich nicht sofort im Gewinn bemerkbar macht. Ein Produkte/Marke aufzubauen, erfordert enorme Geduld. Es sind zuweilen Dekaden nötig, bis sich Investitionen auszahlen. Er verweist auf Nespresso, die Kaffeekapseln von Nestlé, deren Aufbau ewig gedauert hat, bis es den ersten Gewinn abwarf.

„Um lange Investitionsphasen zu überleben, die aktuelle Erträge belastet, müssen unsere Unternehmen unter den Aktionären Familien haben, die die Fäden in der Hand halten. Sie müssen den Firmen Schutz bieten vor den kurzfristig agierenden Wall-Street-Analysten.“ Die Wall Street erwarte einen schönen Ergebnisfluss, und zwar Quartal für Quartal. Angriffe von Aktivisten könnten das langfristige Wohlergehen von Firmen gefährden, warnt der geduldige Value-Investor Russo.

Das sind Russos Favoriten (sortiert nach Depot-Anteil): Nestlé, Berkshire, Philip Morris, Mastercard, Heineken, Compagnie Financiere Richmont, Pernod Ricard, Unilever, Anheuser Busch InBev, Wells Fargo, Berkshire Hathaway, Altria, Martin Marietta, Swatch Group, British American Tobacco, Diageo, Comcast, JC Decaux, Brown Forman, Scripps Networks, Visa.

Russo gibt zu, dass er Technologiestars wie Facebook, Amazon oder Google (Alphabet) schätzt, weil Familien dahinter stehen und sie lange leiden können. Das Internet-Trio hat das langfristige Wohlergehen im Auge. Allerdings hat Russo keine dieser Aktien. Er setzt lieber auf traditionsreiche Konzerne.

Viele Grüße
Ihr Tim Schäfer

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