Benjamin Graham – Visionär, Lehrmeister, Schnäppchenjäger

Zitate Nick Thomas 686 Leser
In den letzten 5 Tagen habe ich die von Jason Zweig kommentierte Neuauflage des Graham-Klassikers „The Intelligent Investor“ gelesen. Die Kommentierung von Zweig erzeugt auch tatsächlich einen Mehrwert, da sie dabei hilft, die Ideen und Ansätze Grahams ins neue Jahrtausend zu transferieren. Immerhin hat der Altmeister den Text das letzte Mal zu Beginn der 1970er aktualisiert. Bemerkenswert ist, dass Grahams Argumentation für einen Value-Ansatz nichts an Aktualität eingebüßt hat und nach wie vor große Überzeugungskraft aufweist. Oder etwas salopp mit Grahams eigenen Worten formuliert: damals wie heute wäre es dumm, einen Dollar nicht für fünfzig Cent zu kaufen.

Das Leben eines Visionärs

benjamin-grahamDie inspirierende Lektüre der letzten Tage ist Anlass genug, das Leben des Begründers einer ganzen Investment-Schule zu beleuchten. Woher kam Benjamin Graham? Was prägte ihn? Und was können wir von ihm und seinem Ansatz lernen?

Benjamin Graham wurde 1894 als Kind jüdischer Eltern in London geboren. Sein Geburtsname Grossbaum lässt auf deutsche Wurzeln schließen. Bereits im Folgejahr wanderte die Familie in die USA aus und ließ sich in Manhattan nieder. Als der junge Graham 9 Jahre alt war, verstarb sein Vater. Das war nicht nur auf emotionaler Ebene eine Tragödie, sondern auch wirtschaftlich, da der Familie nun harte Zeiten bevorstanden. Diese Periode sollte Benjamin Graham für sein weiteres Leben prägen, da er stets von der Sehnsucht nach finanzieller Unabhängigkeit angetrieben war. So schrieb er sich auch an der Columbia University ein und graduierte bereits mit 20 Jahren als zweitbester seines Jahrgangs. Trotz zahlreicher Jobangebote in verschiedensten Fachbereichen, entschied sich Graham für die Wall Street und heuerte bei Newburger, Henderson & Loeb an. 6 Jahre später war er bereits Partner.

Der Investor

1932 entschloss sich Graham dann für die Selbstständigkeit und gründete zusammen mit Jerome Newman die legendäre Graham-Newman Partnership (einen Vorläufer eines heutigen Investmentfonds). Im selben Jahr begann er auch an der Columbia zu unterrichten, was er bis zu seinem Rückzug aus der Geschäftswelt beibehielt. Es heißt, dass Graham persönlich im Börsencrash 1929 bankrott ging, die Partnerschaft mit Newman allerdings überlebte und im Nachgang der Krise ihre Position am Markt verfestigen konnte. Aus den Lehren der Krise und den Jahren am Markt konnte Graham viele Einsichten gewinnen, welche er in zwei Büchern niederschrieb: dem 1934 erschienenen „Security Analysis“ und eben dem 1949 erschienenen „The Intelligent Investor“, welches für viele als das beste Buch über das Investieren aller Zeiten gilt.

Seine Philosophie

Graham zog als erster Marktteilnehmer überhaupt eine klare Linie zwischen Investment und Spekulation. Dabei sah er ein Investment in erster Hinsicht als Miteigentümerschaft an einem Unternehmen. Demnach sollte man sich von kurzfristigen erratischen Fluktuationen im Kursverlauf nicht beeindrucken lassen, sofern man einen Qualitätswert zu einem günstigen Preis erstanden hatte. Sein Anlagestil war absolut nach dieser Philosophie ausgerichtet. Er beurteilte Aktien nach klar definierten Kriterien und errechnete einen intrinsischen Wert. Einige dieser Kriterien waren Eigenkapitalquote, die Gewinnmarge oder der Cash Flow. Sobald ein Unternehmen am Markt zu einem Preis zu haben war, welcher unterhalb des errechneten, intrinsischen Wertes des Unternehmens lag, erachtete Graham dieses Unternehmen als potentiellen Kaufkandidat. Der Unterschied zum aktuellen Marktpreis und dem eigentlichen Unternehmenswert bezeichnete er als „Margin of Safety“. Kurz ausgedrückt suchte Graham nach unterbewerteten Unternehmen mit starken Fundamentaldaten und gesundem Geschäftsmodell. Bis zur Auflösung der Graham-Newman Partnership im Jahr 1956 erwirtschaftete die Gesellschaft eine durchschnittliche jährliche Rendite von 17%, was den Gesamtmarkt bei Weitem schlug.
Graham gilt als Vater des Value Investing. Von ihm stammt auch die berühmte „Mr. Market“ Metapher, in der er den Markt als manisch-depressive Person beschreibt, die entweder eine zu pessimistische oder zu optimistische Bewertung vornimmt.

Seine Schüler

Während seiner Lehrtätigkeit an der Columbia University unterrichtete Graham zahlreiche Studenten, von denen einige sehr erfolgreiche Fondsmanager werden sollten. Ein paar seiner Schüler sollten sogar ihren Lehrmeister, zumindest finanziell, um Längen übertreffen. Bekanntestes Beispiel ist sicherlich Warren Buffett, der nach seinem Studium sogar für einige Jahre bei Graham arbeitete, ehe die Graham-Newman Partnership aufgelöst wurde. Buffett betont immer wieder, dass sein Anlagestil auf den Ideen Grahams aufbaut und über die Zeit weiterentwickelt wurde. Daher ist es auch nicht überraschend, dass das Orakel von Omaha sowohl das Vorwort, als auch das Nachwort im „The Intelligent Investor“ verfasste (beide absolut lesenswert). Weitere bekannte Schüler Grahams sind bzw. waren unter anderem William Ruane, Walter Schloss, Peter Lynch, Joel Greenblatt und John Templeton.
Graham starb am 21. September 1976 in Aix-en-Provence in Frankreich.

Zitate

Hier finden Sie einige der besten Aussprüche von Benjamin Graham.
  • „Ein Investment liegt immer dann vor, wenn nach einer gründlichen Analyse in erster Linie Sicherheit und erst im Anschluss daran eine zufriedenstellende Rendite steht.“
  • „Geduld ist die oberste Tugend des Investors.“
  • „Man hat weder Recht noch Unrecht, weil andere derselben Meinung sind. Man hat Recht, weil die Fakten stimmen und die Überlegungen folgerichtig sind.“
  • „Wenn man billig einkauft, muss man Geduld mitbringen und abwarten, bis der Markt einem zustimmt.“
  •  „Menschen, die ihre Emotionen nicht kontrollieren können, sind von Gewinnen an der Börse ausgeschlossen.“
  •  „Kaufe einen Dollar für 50 Cent.“
  •  „Spekulationen sind immer faszinierend, und es kann viel Spaß machen, wenn man auf der Gewinnerseite steht.“
  •  „Kurzfristig ist der Markt eine Wahlmaschine, aber auf lange Sicht eine Wiegemaschine.“
  •  „Jene, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
  •  „Der intelligente Investor ist ein Realist, der von Pessimisten kauft und an Optimisten verkauft.“
  •  „Auf der anderen Seite ist Investieren eine einmalige Variante des Kasinos – eine, in der du am Ende nicht verlieren kannst, solange du dich an die Regeln hältst, welche die Chancen zu deinen Gunsten verschieben.“
  •  „Menschen, die investieren machen Geld für sich selbst; Menschen die spekulieren machen Geld für ihre Broker.“
  •  „Beim Investieren geht es nicht darum, andere in ihrem Spiel zu schlagen. Es geht darum, sich selbst im eigenen Spiel zu kontrollieren.“
     „Die Schläge, die du vorbei setzt, machen dich kaputt. Boxtrainer Angelo Dundee“
  •  „Die Investment-Welt hat nichtsdestotrotz genug Lügner, Falschspieler und Diebe, um des Teufels Torwächter über die nächsten Jahrzehnte ordentlich beschäftigen zu können.“
  •  „Wenn der Grund des Investierens das Geld verdienen ist, dann kommt die Frage nach Rat der Frage gleich, wie man Geld verdient. Diese Idee weist einige Elemente von Naivität auf.“
  •  „Die Amerikaner werden immer stärker. Vor 20 Jahren brauchte man zwei Leute, um einen 10-Dollar-Einkauf zu tragen. Heute kann das ein Fünfjähriger.“
  •  „Eindeutige Aussichten auf physisches Wachstum eines Unternehmens bedeuten keinesfalls eindeutige Profite für den Investor.“
  •  „Du musst eine Firma gründlich analysieren, und dich der Gesundheit des Geschäftsmodells versichern, bevor du eine Aktie kaufst; du musst dich rigoros gegen ernste Verluste absichern; du musst dir Hoffnung auf adäquate Performance machen, keine außerordentliche Performance.“
  •  „Mit jeder neuen Welle des Optimismus oder Pessimismus sind wir bereit, die Geschichte und lang erprobte Prinzipien zu vergessen, bleiben dafür aber unseren Vorurteilen beharrlich und unbestreitbar treu.“
  •  „Alle exzellenten Dinge sind genauso schwer wie selten.“
  •  „Eine Aktie ist nicht nur ein Tickersymbol oder ein elektronisches Blinken; eine Aktie ist eine Eigentümerschaft an einem echten Unternehmen, mit einem zugrundeliegenden Wert, der nicht vom Aktienpreis abhängt.“
  •  „Während Enthusiasmus überall für großartige Leistungen essentiell ist, führt er an der Wall Street fast unweigerlich ins Desaster.“

Weiterführende Informationen
- Eine ausführliche Zusammenfassung der Anlagestrategie von Benjamin Graham

Es gibt einen Aktien-Index, der zu 100 % regelbasiert die Strategie von Benjamin Graham abbildet.
- Aktien-Index "TraderFox Graham-Value Offensive"

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