Amerikas Sparbewegung

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Von Tim Schäfer

Liebe Leser,

Amerikaner sparen wie nie zuvor. Besonders jene, die ins Berufsleben starten, legen Geld im Rekordtempo zur Seite. Sie möchten die finanzielle Freiheit so früh wie möglich erreichen. Es ist eine Bewegung entstanden. Sie nennen sich „FIRE“. Die Initialen stehen für „Financial Independence“ und „Early Retirement“. Anders ausgedrückt geht es bei der Bewegung darum, so schnell wie möglich den Job an den Nagel zu hängen.

Ein Vorbild für viele ist Peter Adeney. Der einstige Software-Ingenieur betreibt den Blog „Mr. Money Mustache“. Im Alter von 30 Jahren schaffte er es, gemeinsam mit Frau und Sohn dank seines hohen Gehalts und extremer Sparleidenschaft in die Frührente zu gehen. Er hält landauf, landab Vorträge.

Sein minimalistischer Lebensstil gilt für Millionen als Vorbild. Er fährt ein altes Auto, verzichtet auf teure Reisen und Restaurantbesuche. Wie kam es zu dem Trend? Es ist eine Reaktion auf die konsumorientierte Mittelschicht, die von der Hand in den Mund lebt. Oft leiden Konsumenten unter hohen Hypotheken, Finanzierungsraten und Konsumschulden.

Aber nicht nur „Mr. Money Mustache“ steht im Rampenlicht. Auch die beiden amerikanischen Schuldenberater Dave Ramsey und Suze Orman haben eine große Fangemeinde. Ramsey rät seinen 3,5 Mio. Facebook-Followern, auf Schulden jeglicher Art zu verzichten. Tilge, Spare, Investiere ist sein Motto. Orman empfiehlt, auf Konsum zu verzichten, wenn nicht das nötige Kleingeld vorhanden ist. Sie rät, einen ausreichenden Notgroschen jederzeit flüssig zu haben, um Schicksalsschläge zumindest finanziell abfedern zu können.

Die einen halten den FIRE-Trend für eine Modeerscheinung, die wieder verschwinden wird. Andere halten ihn für einen Langfristtrend. Was kaum zu bestreiten ist: Die Finanzpanik 2008/09 war vielen Menschen eine Lehre. Außerdem haben immer mehr Bürger vor einem „Renten-Tsunami“ Angst.

Fachleute empfehlen jedenfalls gebetsmühlenartig, für den Ruhestand ausreichend Geld zur Seite zu legen. 10 % vom Einkommen eigenständig für den Ruhestand zurückzulegen, gilt als Minimum. Das leuchtet ein: Die gesetzlichen Rentenkassen trockenen aufgrund der alternden Bevölkerung aus. Immer weniger Beitragszahler müssen für stetig mehr Rentenempfänger bezahlen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Leute wie Adeney sparen meistens über ETF-Produkte. Wer es früh in den Ruhestand schaffen möchte, muss wohlgemerkt mehr als 10 % sparen. Einige kommen auf Sparquoten von 50 bis 60 %. Sie haben keine Lust, sich 40 Jahre lang abzukämpfen in einem Job, der ihnen keinen Spaß macht, um dann erst mit 65 Jahren die goldene Zeit genießen zu können.

Die Sparfüchse wissen aus der Forschung, was Menschen glücklich macht. Es ist eben nicht der Besitz von Dingen (Haus, Auto, Kunst und Boot), sondern es sind die Erlebnisse. Wenn Menschen jeden Tag Dinge tun können, die ihnen wirklich Spass machen, macht sie das zufrieden. Sie runden das ab, wenn sie mit Familie und Freunden zusammen sind.

Ein neues Auto, ein übergroßes Eigenheim, Luxusurlaube und nagelneue Konsumelektronik schienen lange Zeit erstrebenswert. Doch immer mehr Menschen wenden sich davon ab. Car-Sharing oder günstige Taxidienste wie Uber oder Lyft explodieren in den USA. Autobauer machen sich schon Sorgen um den Absatz angesichts des Trends. Das Auto als Statussymbol verliert jedenfalls bei jungen Leuten an Bedeutung.

Was machen diese Frührentner? Sie sind ja erst 30 oder 40 Jahre alt. Sie machen nicht das, was Sie erwarten würden. Sie schlafen nicht lange. Sie beginnen nicht den Tag in aller Ruhe mit der Tageszeitung auf dem Küchentisch. Sie spielen auch nicht den ganzen Tag lang Golf und sitzen auf dem Balkon. Nein, sie sind beschäftigt. Sie schreiben Blogs, reisen um den Globus, machen Ausflüge, bauen Häuser um. Selbst in ihrem Ruhestand arbeiten sie als Selbstständige. Sie machen, was sie glücklich macht. Sie sorgen sich nicht so sehr ums Geld, sondern es geht ihnen vornehmlich darum, eine Aufgabe zu haben, die sie ausfüllt. Sie genießen trotzdem ihre Freiheit, weil sie selbst über ihre Zeit bestimmen können.

Nobelpreisträger Robert Shiller vermutet hinter der Sparbewegung eine enorme Angst. Shiller sagt, Amerikaner machten sich Sorgen um ihre Jobs angesichts der fortschreitenden Automatisierung (Roboter, Software) und Effizienzsteigerungen in fünf, zehn oder zwanzig Jahren. Daher seien Sie bereit, massiv zu sparen. Das Sparen sei aus der Not heraus geboren.

Ein weiterer Kritikpunkt an der FIRE-Bewegung ist, dass die Börse seit März 2009 Rückenwind hat. Der S&P-500-Index hat sich im Wert mehr als verdreifacht. Börsianer müssen wissen, dass ein Rückschlag jederzeit möglich ist. Es wäre eine gesunde Reaktion.

Ein anderer Kritikpunkt ist der, dass die Frührentner nicht wirklich im Ruhestand sind. Manchmal arbeitet der Lebenspartner noch. Oder aber sie arbeiten selbst intensiv an Projekten wie Blogs oder in der Hausvermietung. Insofern sind sie nicht, wie es den Anschein hat, im Ruhestand. Wobei in der heutigen Zeit hat sich die Trennung zwischen der produktiven und unproduktiven Zeit verwischt. Es gibt nicht mehr die klare Trennung seit das Homeoffice Usus geworden ist. Dank der Digitalisierung lässt sich selbst auf Reisen arbeiten.

Neben der hohen Sparquote ist ein anderer Aspekt hilfreich: Ein gut bezahlter Job. Das weltgrößte Jobportal Indeed.com fand in einer Studie heraus, dass nur wenige Arbeitsplätze in den USA wirklich chancenreich sind. Nur 15 % aller Jobs bezahlen ein überdurchschnittliches Gehalt. 85 % der Jobs sind dagegen ohne Gehaltsfantasie. Wer hat gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt? Begehrt sind Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, aus der Technologie beziehungsweise IT. Ob Krankenschwester, Arzt oder Softwareingenieur – sie finden im Handumdrehen eine fürstlich bezahlte Stelle. Für den Löwenanteil der Arbeitnehmer sind dagegen die Aussichten trübe. Das Gehalt hält nicht mit der Inflation mit. So erklärt sich auch die FIRE-Bewegung. Denn die Frührentner kommen aus den begehrten Berufskategorien. Das hilft ihnen, schnell hohe Geldbeträge zurückzulegen.

Was raten die Frührentner anderen auf dem Weg in die finanzielle Freiheit zu beachten? Die meisten raten, ein Studium zu wählen, das später aussichtsreiche Chancen eröffnet. Sie empfehlen, im Job frühzeitig richtig Gas zu geben. Das Leben in der Nähe des Arbeitgebers spart nicht nur Pendelzeit, sondern auch Spritkosten. Sie empfehlen, alte Gebrauchtwagen zu fahren. Alternativ gilt es, mit dem ÖPNV oder Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Sie schwören darauf, aggressiv über den Aktienmarkt jeden Monat so viel wie möglich zu sparen.

Es gibt an der Börse einige Profiteure der Sparwelle. Die beiden Discounter Dollar Tree und Dollar General laufen gut. Sie erklimmen einen Höchstkurs nach dem nächsten. Sie eröffnen stetig neue Filialen. Aldi erobert im Schnelltempo Nordamerika. Lidl hat angekündigt, ebenfalls über dem großen Teich Fuß fassen zu wollen. Die Billigmodekette Zara eröffnet vielerorts Flaggschiffläden. Händler, die dagegen gesalzene Preise verlangen, haben ein Problem. Die Öko-Supermarktkette Whole Foods knickte auf ein Mehr-Jahres-Tief ein. Ähnlich zerlegt hat es die Edelschneider Hugo Boss und Ralph Lauren. Des einen Leids, des anderen Freud.

Viele Grüße aus New York
Ihr Tim Schäfer

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