Portfoliocheck: Warren Buffett und seine immer größere Lust auf Obst

Er gilt als der erfolgreichste Investor aller Zeiten und rangiert seit vielen Jahren in der Top 10 der reichsten Menschen der Welt. Ich meine Warren Buffett, den seine Fans auch ehrfurchtsvoll das „Orakel von Omaha“ nennen. Denn im Omaha ist er aufgewachsen und dort lebt er bis heute, abseits des Trubels der Wall Street.

Bereits sein Vater Howard war ein erfolgreicher Investor, vor allem aber Politiker und eine Zeit lang US-Botschafter. Warren Buffett hatte schon immer einen ausgeprägten Sinn für Geschäfte und bewies dies sowohl als Zeitungsjunge, wo er gleich mehrere Touren übernahm und diese so effizient organisierte, dass er für die Zustellung nicht mehr Zeit benötigte, als andere für ihre einzige Tour. Oder als er Sechserpacks Coke zum Preis von 5 Stück kaufte, die er dann einzeln von Tür zu Tür gehend zum vollen Preis anbot. Eine Rendite von 20 Prozent und das innerhalb kürzester Zeit.

Sein Studium absolvierte er an der Columbia Universität, weil er unbedingt bei Benjamin Graham studieren wollte. Dieser war selbst Investor und hatte Buffett mit seinem Werk „Security Analysis“, das er gemeinsam mit David Dodd verfasst hatte, tief beeindruckt. Darin legte Graham seine Erkenntnisse aus dem Börsencrash und großen Depression der Weltwirtschaftskrise dar und bereitete den Boden für die fundamentale Analyse von Wertpapieren als Basis von Anlageentscheidungen. In seinem späteren Werk „Intelligent investieren“, einer etwas populärwissenschaftlicheren Version des Ursprungswerks, stellte Graham auf den inneren Wert der Aktien ab und legte sein Konzept der Sicherheitsmarge dar. Für Buffett waren diese Werke prägend und die Grundlage seiner eigenen Investorentätigkeit als „Value Investor“. Die er übrigens in der Investmentfirma von Benjamin Graham begann.

In späteren Jahren lernte Buffett dann den Anwalt und Investor Charlie Munger kennen und schätzen. Dieser beeinflusste ihn fast ebenso stark wie Graham und lenkte seinen Blick auf die Qualität der Unternehmen und auf ihre Alleinstellungsmerkmale im Wettbewerb. In der Folgezeit wurde der Moat, der ökonomische Burggraben, das Schlüsselelement für Buffetts Anlageentscheidungen und trieb den Aktienkurs seiner Investmentholding Berkshire Hathaway von niedrigen zweistelligen Kursen, die er Anfang der 1960er Jahre dafür bezahlt hatte, auf zuletzt über 320.000 Dollar. Sie ist damit die teuerste Aktie der Welt.

Seit mehr als 50 Jahren ist Buffett nun Mehrheitseigentümer und Chef von Berkshire Hathaway und seine Zeit als Investor geht noch länger zurück, da er zuvor bereits über Partnerships sein eigenes Geld und das von Bekannten und ausgesuchten Anlegern investiert hatte. Kaum ein anderer Investor kann über einen so langen Zeitraum eine ähnliche Erfolgsgeschichte vorweisen, denn Buffetts durchschnittliche Jahresrendite liegt bei annähernd 20%.

Seit jeher haben es ihm Finanzwerte angetan und hier legte er schon früh einen Schwerpunkt auf die Versicherungsbranche. Dabei hält er heute ganze Versicherungskonzerne, wie den Auto-Direktversicherer Geico oder den Rückversicherer General Re (der heute Berkshire Hathaway Re heißt) und einige Erstversicherer. Und Buffetts Vorliebe für Versicherungen kommt nicht von ungefähr. Einerseits lassen sich Chancen und Risiken des Geschäfts gut kalkulieren und auf der anderen Seite bekam Buffett Zugriff auf den Float, sobald er die Kontrolle über eine Versicherung übernahm. Er konnte also die monatlich eingehenden Versicherungsprämien investieren, bevor sie irgendwann als Versicherungsleistungen ausgezahlt werden mussten, und erzielte  so mit einem enormen Hebel außerordentliche Gewinne. Für Buffett stellt der Float einen zinslosen Kredit dar.

Neben Versicherungen hat Buffett auch eine Reihe von Banken im Portfolio, wie Wells Fargo, Goldman Sachs oder die Bank of America. Einige von ihnen sind wahre Schwergewichte in seinem Depot.

Buffetts Käufe und Verkäufe

Im zweiten Quartal hat Buffett nur einige gewichtige Veränderungen an seinem Portfolio vorgenommen; diese sind aber teilweise dennoch bemerkenswert.

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Seine in den letzten Quartalen immer weiter erhöhte Position in Monsanto diente Buffett vollständig bei der Übernahme durch den deutschen Bayer-Konzern an und strich den Gegenwert in Geld ein. Bei den Airlines Southwest und Delta kauft er weiter zu, während er United Continental und American  – geringfügig – reduzierte. Bei US Bancorp. und Bank of New York Mellon ist Buffett schon seit Monaten auf der Käuferseite und baut so sein Bankenportfolio weiter aus. Das gilt auch für die Investmentbank Goldman Sachs.

Einen großen Bogen machte Buffett stets um Technologiewerte und umso überraschender war es, als er vor einigen Jahren einen signifikanten Anteil an IBM aufbaute. Damit war über fünf Jahre nicht wirklich erfolgreich und hat die Position inzwischen wieder verkauft. Allerdings scheint er seitdem seine Abneigung gegen Technologiewerte abgelegt zu haben und bekannte sogar vor einiger Zeit, es wäre ein großer Fehler seinerseits gewesen, nicht in Amazon oder Google zu investieren. Die beiden Unternehmen finden sich auch heute nicht in seinem Portfolio, dafür aber ein anderes: Apple.

 

Warren Buffetts Portfolio

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Apple: Buffetts liebstes Obst

Diese noch relativ neue Nummer Eins springt uns natürlich sofort ins Auge. Mitte der 1990er Jahre war das Unternehmen am Rande der Pleite und wurde nur mit einem üppigen Scheck von Microsoft-Gründer und Erzfeind des Apple-Gründer Steve Jobs am Leben gehalten, doch dann folgte ein raketengleicher Aufstieg. Im Jahr 2010 war Apple gemessen an seiner Börsenkapitalisierung bereits das zehnt wertvollste Unternehmen der Welt und seit einiger Zeit rangiert es unangefochten auf dem vordersten Platz. Auch dank der weiteren Zukäufe Warren Buffetts konnte Apple sogar als erstes Unternehmen überhaupt die Marke von einer Billion Dollar bei der Börsenkapitalisierung durchstoßen, und nur Amazon ist es inzwischen auch geglückt, diese Schwelle – zumindest kurzzeitig – zu überwinden.

Weshalb Buffett auf Apple setzt, darüber gibt es so einige Spekulationen. Zunächst waren sich Beobachter sicher, dass nicht er selbst die treibende Kraft dahinter war, sondern einer seiner beiden „Investment-Leutnants“ Todd Combs oder Ted Weschler. Doch inzwischen hat Buffett selbst sich zu Wort gemeldet und verkündet, er sehe in Apple weniger das erfolgreichen Hightech-Unternehmen als vielmehr einen Konsumwert.

Diese auf den ersten Blick irritierende Sichtweise hat aber einiges für sich. Zwar ist Apple fraglos der erfolgreichste Hersteller von Smartphones und erzielt mit seinen iPhones Traummargen, während man mit anderen Erfolgsprodukten wie der Apple Watch oder dem iPad deutlich weniger umsetzt und an Gewinnen generieren kann. Auf der anderen Seite legt Apple aber besonders stark im Bereich iTunes zu, also dem Musik- und Videostreaming.

Das liegt vor allem an dem geschlossenen Ökosystem von Apple. Wer sich einmal auf dessen Produkte einlässt, dem wird es wirklich leicht gemacht, auch weitere Apple-Dienste und -Geräte anzudocken. Über die iCloud sind alle miteinander vernetzt und tauschen Daten und Apps aus, das macht es sehr bequem. Allerdings kann man nicht ohne Weiteres Geräte anderer Hersteller integrieren und das ist von Apple auch so gewollt. Apple verfügt über eine extrem starke Marke und seine Kunden fühlen sich noch immer als elitäre Gruppe. Es sind überwiegend die gut situierten, mittelalten Erfolgsmenschen, die Apple-Produkte nutzen. Und über sie haben auch ihre Kinder Zugang hierzu und haben keine Berührungsängste, wenn sie später selbst genügend Geld verdienen, um sich die hochpreisigen Apple-Geräte leisten zu können.

Wer also einmal in dem Apple-Ökosystem heimisch geworden ist, entkommt ihm nur noch mit großem Aufwand und nicht unerheblichen Trennungsschmerzen. Apple erzielt hier also eine sehr hohe Kundenbindung und ist in der Lage, diesen treuen Kunden immer neue, zusätzliche Dienste und Produkte anzubieten. Das ist der besondere Moat, den Buffett so schätzt. Und deshalb kauft er fleißig immer mehr Aktien von Apple, auch über das Ende des ersten Halbjahres hinaus, was er kürzlich in einem Fernsehinterview freimütig ausplauderte.

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Zuviel des Guten?

Apple macht inzwischen fast 25% seines Depots aus und bringt diesen Anteil auf gute 46 Milliarden Dollar; dabei hat Buffett erst knapp über 5% des Unternehmens erworben. Und das ist für Buffett kein ganz unwichtiger Aspekt: aufgrund der Größe von Berkshire Hathaway kann er nicht mehr jedes Unternehmen kaufen, das ihm aussichtsreich erscheint. Die kleinen Unternehmen scheiden aus, weil er durch seine Käufe den Kurs zu schnell zu hoch treiben würde und weil kleine Firmen in seinem Portfolio kaum Auswirkungen haben würden neben den vielen Milliardenfirmen. Daher muss Buffett schon auf Walfang gehen und damit bleibt ihm quasi nur der Ozean als Fanggebiet und die kleineren Teiche mit den kleinen Fischen bleiben außen vor.

Darüber hinaus trifft er zunehmend auf regulatorische Hindernisse. So wurde ihm untersagt, mehr als 10% der Anteile an Wells Fargo zu halten. Diese Schwelle hatte er zwischenzeitlich bereits überschritten und da Wells Fargo weiterhin eigene Aktien zurückkauft, muss Buffett immer wieder seinen Anteil reduzieren, um unter der 10-Prozent-Schwelle zu bleiben. Und auch im Versicherungssektor kann er nicht mehr bedenkenlos zukaufen, da ihm ansonsten droht, dass Berkshire Hathaway als „systemrelevant“ eingestuft wird. Das hätte erhebliche regulatorische Einmischungen zur Folge und würde auch die Refinanzierungskosten deutlich in die Höhe treiben. Daher versucht Buffett alles zu tun, um Berkshire Hathaway diese Einstufung zu ersparen. Mit der Folge, dass weitere Unternehmen von seinem Investmentradar verschwanden.

Mit seinem Investment in Apple schlägt er nun gleich mehrere Fliegen auf einmal. Er kann fast unbegrenzt Aktien kaufen, weil die Börsenkapitalisierung groß genug ist, dass seine Käufe keinen zu großen Effekt auf den Kurs haben. Ohne Wirkung bleiben sie natürlich nicht, wie der Kursanstieg in diesem Jahr zeigt, als Buffett seine Käufe deutlich erhöht hat. Des Weiteren gefällt Buffett, dass Apple so hohe Margen und Cashflows aufweist und dieses Geld in Form von Aktienrückkäufen und Dividenden an seine Aktionäre auskehrt. Für Buffett ist Apple daher ein ganz wundervolles Unternehmen - und tolles Investment.

 

Apple als Klumpenrisiko?

Beim Blick auf Buffetts Portfolio sieht man, dass Apple bereits knapp ein Viertel ausmacht. Das sieht auf den ersten Blick sehr hoch aus, zu hoch. Zumal das Iphone noch immer den weitaus größten Anteil der Gewinne bei Apple liefert und Apple damit stark vom Erfolg eines einzigen Produkts abhängt.

Zumindest wegen des großen Depotanteils muss man sich allerdings - noch -  keine Sorgen machen. Denn Buffetts Portfolio zeigt uns nicht alles, was er zu bieten hat. Es umfasst lediglich die börsennotierten US-amerikanischen Werte, die zum Quartalsende in seinem Depot liegen. Denn diese musste Buffett über ein 13F-Formular an die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) melden. Es sind also keine ausländischen Werte aufgeführt, wie zum Beispiel Aktien der Munich RE oder der Swiss Re, an denen Buffett ebenfalls einige Prozente hält  oder hielt. Oder am DAX-Konzern Lanxess, wo Buffett im letzten Jahr eingestiegen ist.

Darüber hinaus sind auch keine Werte enthalten, die nicht an einer Börse notieren. Und Buffett hat hier einige Perlen im Bestand. Wie die ehemalige MidAmerican Energy, die heute als Berkshire Hathaway Energy firmiert und viele Milliarden wert ist. Ebenfalls fehlt in der Auflistung BNSF, also die Eisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fe, oder der Batteriehersteller Duracell, den Buffett gegen seine Position an Procter & Gamble eingetauscht hatte. Ebenso wenig findet sich Precision Castparts in der Aufstellung wider, ein Industriekonglomerat, das Buffett Anfang 2016 für rund 37 Milliarden Dollar übernommen hatte.

Grob über den Daumen gepeilt kann man wohl sagen, dass Buffetts Portfolio an börsennotierten amerikanischen Aktien rund die Hälfte des Gesamtwertes von Berkshire Hathaway ausmacht. Woraus zu schließen wäre, dass der 25-Prozent-Anteil von Apple eigentlich „nur“ rund 12,5% am Gesamtvolumen beträgt und damit durchaus kein überbordendes Klumpenrisiko darstellt. Zumal Buffett einer der größten Anhänger des sog. Focus Investings ist, also des Konzentrierens auf einige wenige Kerninvestments anstelle einer breiten Diversifikation über viele Branchen und Länder hinweg.

 

Mehr als 110 Milliarden Dollar Cash

Und dann hat Buffett noch ein Luxusproblem: Geld. Er setzt ja gerne auf Unternehmen mit starken Cashflows, die ihre Aktionäre über Dividenden verwöhnen. Dem entsprechend fließen ihm täglich frische Millionen zu, die er investieren kann. Und muss. Doch das ist angesichts hoher Börsenkurse nicht so einfach und dann kann er ja auch nur noch die großen Werte aus dem S&P 500 ins Visier nehmen. Als Folge ist sein Geldberg inzwischen auf mehr als 110 Milliarden Dollar angewachsen und die Medien berichten gerne über diese riesige Summe. Setzt man sie allerdings ins Verhältnis zum aktuellen Wert von Berkshire und seinen gesamten Vermögensgegenständen, dann hält Buffett auch nur eine eher unspektakuläre Cashquote von etwas über 15%.

Dennoch will Buffett dieses Geld nicht ungenutzt rumliegen lassen und hat sich von der Hauptversammlung grünes Licht für ein modifiziertes Aktienrückkaufprogramm geben lassen. Er darf nun eigene Aktien von Berkshire zurückkaufen, wenn er und Munger übereinstimmen, dass sich der Aktienkurs unterhalb des intrinsischen Wertes der Aktien befindet. Was in der Übersetzung so viel heißt, als dass sie Aktien bis zum 1,5-fachen des Buchwertes kaufen können. Was sie denn auch tun, denn Berkshire notiert in etwa beim 1,3- bis 1,4fachen des Buchwerts.

 

Was sagt uns das?

Buffett ist einer der cleversten Investoren aller Zeiten und er kauft Aktien von Berkshire Hathaway. Damit konnte man in den letzten 50 Jahren nichts verkehrt machen und mit Aktien von Apple in den letzten 20 Jahren auch nicht. Wie lange der 88-jährige Buffett und sein noch einmal einige Jahre älterer Partner Charlie Munger noch an der Spitze von Berkshire Hathaway stehen, wissen wir nicht. Buffett selbst meinte, er wolle noch bis mindestens 100 weiter machen. Es ist ihm zuzutrauen. Und auch, dass er seine fast 20-prozentige jährliche Erfolgsrendite weiter fortführt.



Bildherkunft: Photo by Thammie Cascales on Unsplash


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